Freiheit ist Glück – Oh Baby, davon will ich erzählen, wenn ich alt bin…

Seit Tagen slamt Julia Engelmann (Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8) den Beitrag „One Day, Baby, we’ll be old – Mut ist nur ein Anagramm von Glück – lasst uns heute die Geschichten schreiben, von denen wir später erzählen wollen“. Medien, Psychologen, Privatpersonen – alle lassen sich derzeit darüber aus, wie wertvoll dieser Beitrag nun ist. Mir ist das egal. Mich hat dieser Poetry Slam berührt und etwas Starkes in mir anklingen lassen. Ich denke seit Tagen immer wieder darüber nach, welche Geschichten ich erzählen möchte, wenn ich alt bin. Gibt es so etwas wie eine Überschrift, die für mich eine erzählenswerte Geschichte ausmacht? Gibt es ein verbindendes Element?

Heute früh wurde ich gefragt, ob ich meine Freiheit geniesse; meine neu gewonnene Autarkie nachdem ich meinen bisherigen Job vor Kurzem beendet habe. Mich erreicht die Frage, ob ich diese neue Freiheit geniesse während ich in meinem Sessel sitze und dem Tag beim Tagwerden zusehe. Drinnen brennt – neben den Osterglocken, die so schön aufgeblüht sind – eine Kerze. Draussen beginnt es zu schneien. Der Fragende möchte wissen, ob mir meine derzeitige Freiheit, frei zu entscheiden, wann genau ich mein Tagwerk beginne, gut tut. Dieser mir herzliebe Mensch möchte ganz praktisch wissen, ob es mir gefällt, selbst zu entscheiden, noch einen dritten Kaffee zu Hause zu trinken – oder auch nicht – bevor ich mich auf den Weg mache. Kann ich diese Freiheit geniessen? Ist das überhaupt die Freiheit, die mich glücklich macht? Bedingt.

Ich möchte im Alter Geschichten von meiner Freiheit erzählen können; von meiner persönlichen Freiheit, die über die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die fraglos zentral sind und auf die ich Gott sei Dank im Moment vertrauen darf, hinaus geht. Was heißt also diese persönliche Freiheit für mich? Warum macht sie mich glücklich?

 …in der Wärme meines Partners, der meiner Familie und der meiner Freunde geborgen zu sein. Ich brauche einen Anker, an dessen langem Seil ich in den Himmel meiner persönlichen Freiheit aufsteigen kann – wie ein Drachen im Herbstwind, der von einer guten Hand auf dem Boden gehalten wird und dennoch schweben darf. Dieser Drache verkörpert Leichtigkeit – er kann den Böen und Luftströmungen frei begegnen, nachgeben oder ankämpfen, schwerelos schweben und sich treiben lassen. Der Drache im Herbstwind wird an einer langen Leine wohl beobachtet gehalten. Die haltende Hand – der bedingungslose Rückhalt des Partners, der Familie, der Freunde –  ist es, die meine Kräfte freisetzt. Das ist es, was für mich Glück ist.

… der innere Halt, die innere Haltung. Bin ich achtsam? Bin ich mir selbst gegenüber genauso respektvoll und wertschätzend wie zu meinen Mitmenschen? Sind mir meine Bedürfnisse genauso wichtig wie die der Anderen? Sage ich „JA“, wenn ich ja meine – und „NEIN“, wenn ich nein sagen möchte? Stehe ich fest in meinem Glauben, in meinen Werten, in meiner Mitte, in meinem Ich? Kann ich das, was mir wichtig ist, leben? Nehme ich wahr, was um mich herum passiert? Nehme ich wahr, dass die Vögel fröhlich zwitschern – obwohl es Mitte Januar ist? Nehme ich wahr, wenn ein Mensch mich auf der Strasse anlächelt obwohl er mich gar nicht kennt? Bin ich ich?

An der inneren Achtsamkeit kann und muss man selbst arbeiten. Tag ein – Tag aus. Und es gibt sie: Gute Tage, an denen das alles gelingt. An denen man vor Kraft strotzt, den Mitmenschen eine ansteckende Fröhlichkeit entgegen bringt und sie inspiriert, an denen man eine gute Tat mehr leisten kann als sonst – Tage, an denen die Welt durch das eigene Leben ein Stückchen besser ist.

Aber es gibt auch diese schlechten Tage, an denen nichts gelingen will, in denen man hadert, kämpft, leidet, sich fragt, wozu man das alles überhaupt erträgt, an denen man das Gefühl hat, dass einem nichts gelingt. Tage, an denen die Fröhlichkeit, die Leichtigkeit, die Herzenswärme, die Kraft und das Vertrauen für immer verloren scheinen. Das sind Tage, die bisweilen so dunkel sind, dass man nicht mehr zu hoffen wagt, dass die innere Sonne jemals wieder aufgehen wird.

Aber ist es nicht so viel leichter, wenn man weiss, dass man, wenn man gerade mal nicht stark sein kann und diese dunklen Tage gar nicht enden wollen, aufgefangen wird? … wenn ich wissen darf, dass jemand neben mir steht, nach meiner Hand greift und mein Herz ganz tief spüren lässt, dass ich mich darauf verlassen kann, dass dieser Mensch mich achtsam leiten wird, wenn ich den Weg gerade aus den Augen verloren habe? … macht es nicht glücklich, wenn ich wissen darf, dass dieser Mensch, wenn ich schwach bin, wenn ich die Kontrolle über mein Leben verloren zu haben scheine, wenn ich mich selbst nicht mehr kenne und mir selbst nicht helfen kann, dort steht, wo er mir am Meisten hilft? … manchmal ist das neben mir. … manchmal ist das hinter mir. … und manchmal ist das vor mir.
Ist es nicht ein Höchstmaß von Freiheit und Glück, wenn ich sicher sein kann, dass dieser Mensch mir genau das einräumen wird, dass ich gerade brauche – sei es eine Zeitlang Weniger oder Mehr von etwas?

#Ich wünsche mir im Alter Geschichten von Menschen erzählen zu können, die mir diese Freiheit und dieses Glück schenk(t)en. Und ich wünsche mir Geschichten davon erzählen zu dürfen, wie sie mir dabei halfen, gut zu mir selbst und damit gut zu den Menschen, deren Wege ich kreuz(t)e, zu sein. Und wer weiss: Vielleicht sind diese Geschichten ja voller Lebensfreude, Leichtigkeit, Miteinander und Herzenswärme?! Denn genau das wünsche ich uns allen und jedem Einzelnen von ganzem Herzen!  ❤

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